Geregelte Lehrlingsausbildung kennt man in Dänemark seit dem Ende des Mittelalters. Mit dem Durchbruch der Industrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein duales System mit gesetzlichen Bestimmungen zur Schulausbildung von Lehrlingen in Handwerk und Handel (das Lehrlingsgesetz von 1889). Das Lehrlingsgesetz von 1956 führte den Tagesunterricht für Lehrlinge an beruflichen Schulen - typischerweise ein Tag pro Woche - anstelle des früheren Abend- oder Freizeitunterrichts ein. Spätere Reformen haben die Rolle der beruflichen Schulen weiterhin gestärkt und damit natürlich auch die Breite und die Variation bei den durch die Ausbildung erworbenen Qualifikationen.

Die Ausbildung zum Möbelschreiner ist ein Beispiel dafür, wie die duale Ausbildung im Prinzip funktioniert. Die Auszubildenden können sich dafür entscheiden, die Ausbildung mit einem technischen Propädeutikum zu starten (TI), das in einer technischen Schule angeboten wird. Sie können die Ausbildung aber auch mit einem halbjährigen Schulaufenthalt anfangen. Danach wechseln Schulabschnitte mit Praktika für den Rest der Ausbildung ab. Ein Auszubildender, der Möbelschreiner werden will, sollte auf diese Weise vier Schulabschnitte von zusammen 45 Wochen während der Ausbildungszeit absolvieren.

Mit der umfassenden Reform der beruflichen Bildung im Jahr 1991 sind die Ausbildungen jetzt in einem zusammenhängenden nationalen System zu sehen, das die traditionelle Verbindung zu Handel und Industrie bewahrt. Gleichzeitig werden durch bedeutende Stärkung der schulbezogenen Teile der Ausbildungen Breite und Flexibilität hinsichtlich der Qualifikationen gesichert. Die dänische berufliche Bildung hat drei besondere Hauptkennzeichen:

  1. Das Prinzip der dualen Ausbildung
  2. Eine fachliche Ausbildung findet auch in der schulischen Ausbildung statt
  3. Eine enge Zusammenarbeit mit den Institutionen und Organisationen des Arbeitsmarktes auf allen Ebenen.

Das duale System
Der jeweilige Ausbildungsgang hat einen Verlauf, in welchem Perioden mit theoretischer/praktischer Ausbildung in einer beruflichen Schule sich mit Perioden praktischer Ausbildung in einem privaten oder öffentlichen Betrieb abwechseln. Die praktische Ausbildung kann ausnahmsweise auch in einer beruflichen Schule stattfinden. Die Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Ausbildungsbereichen geben der dänischen beruflichen Ausbildung ihre besondere Stärke und ihr Profil.

Der praktische Teil macht den längsten Teil der Ausbildung aus und findet in der Form eines bezahlten Arbeitsvertrages mit einer besonderen Ausbildungscharakteristik statt. Der Auszubildende nimmt an den täglichen Routinearbeiten des Betriebs teil, zu Beginn sehr eng zusammen mit ausgebildeten Mitarbeitern, nach und nach auch selbständig. In der Regel erwirbt der Auszubildende seine gesamte praktische Ausbildung in einem Betrieb, doch kann es vorkommen, daß verschiedene Betriebe mit einem Auszubildenden ein gemeinschaftliches Arbeitsverhältnis begründen. Die Perioden in beruflichen Schulen sind gleichmäßig in das Ausbildungssystem eingebettet und währen jede für sich typisch zwei, fünf oder zehn Wochen. Die Anzahl und Dauer variiert von Ausbildung zu Ausbildung. Die Ausbildungsgänge haben sowohl direkt fachliche als auch allgemeinbildende Inhalte. Der Unterricht erfolgt in steigendem Grad innerhalb breit angelegter, interdisziplinärer Projekte, die ihren Ausgangspunkt im praxisbezogenen Alltag am Arbeitsplatz haben. Die Unterrichtsprogramme und -methoden zielen daher in steigendem Grad auch auf breite, persönlichkeitsentwickelnde Schlüsselqualifikationen, wie Selbständigkeit, Verantwortungsgefühl, Qualitätsbewußtsein und Kooperationskompetenz.

Enger Kontakt mit dem Arbeitsmarkt
Alle beruflichen Ausbildungen werden in enger Zusammenarbeit mit den Organisationen und Institutionen des Arbeitsmarktes entwickelt und durchgeführt. Auf diese Weise ist gesichert, daß die Ausbildungen zu jeder Zeit mit den Forderungen des Arbeitsmarktes konform gehen. Wünsche nach neuen Qualifikationstypen werden schnell registriert und können ebenso schnell in die Ausbildungsgänge eingearbeitet werden. Diese in das System eingebaute Dynamik bildet die Garantie gegenüber den Auszubildenden für eine gute, brauchbare und aktuelle Ausbildung. Die Repräsentanten des Arbeitsmarktes haben darüberhinaus entscheidenden Einfluß auf den Betrieb der einzelnen beruflichen Schulen. Der Unterricht ist kostenlos.

Auch andere Kennzeichen betonen den zusammenhängenden Charakter und die Offenheit des Systems: Die Auszubildenden haben freie Schulwahl und freien Zugang zu den meisten Ausbildungen. Die einzelne Ausbildung beginnt in der Regel mit dem Aufenthalt auf einer beruflichen Schule, aber sie kann ebenso mit einem Praktikum in einem Betrieb begonnen werden. Die freie Wahl von Schule und Ausbildung ist für die Auszubildenden praktisch dadurch gesichert, daß sie von dem Augenblick an, in welchem sie ein Ausbildungsverhältnis mit einem Betrieb eingehen, das Recht auf einen Lohn haben, der sie wirtschaftlich unabhängig macht; nebenbei bieten die technischen Schulen für nicht in der Nähe beheimatete Auszubildende eine Unterbringung im Schulheim. Jährlich werden die Schulheimplätze von ca. 8.000 Auszubildenden genutzt.

Die Ausbildungen sind mit einem breiten Beginn und gradueller Spezialisierung aufgebaut, hinzu kommen stetige Wahlmöglichkeiten im weiteren Verlauf. Alles in allem bietet das dänische Berufsausbildungswesen ca. 90 Ausbildungen mit zusammengerechnet über 200 möglichen Spezialisierungen. Vor 1991 waren es ca. 300 verschiedene fachliche Grundausbildungen. Die Offenheit des Systems findet ihren Niederschlag auch in der stetigen Möglichkeit, die berufliche Kompetenz des einzelnen durch Fort- und Weiterbildung zu erhöhen.

Das berufliche Ausbildungssystem spielt eine wichtige Rolle in Verbindung mit dem übergeordneten politischen Ziel der Ausbildung für alle - ein Ziel, das in gleichem Maße gewerblich wie sozialpolitisch zu sehen ist. Daher werden auch spezielle Hilfsmittel, Unterrichtsmaterialen und pädagogische Hilfen für Auszubildende mit körperlichen Behinderungen oder Lernschwierigkeiten bereit gehalten. Ca. 3.000 Auszubildende benützen jährlich die speziellen pädagogischen Angebote der beruflichen Schulen.

Alle Berufsschulen haben eine Anzahl von Studienberater, die vom Lehrpersonal der jeweiligen Schulen ausgesucht worden sind, angeknüpft. Die Studienberater sind speziell für die Beratung in Verbindung mit Ausbildungswahl und -richtung, Orientierung über die Fortbildung und Jobmöglichkeiten, sowie Beistand und Beratung allgemein, ausgebildet. Meistens verwenden diese Mitarbeiter ein Drittel ihrer Arbeitszeit in dieser Beratungsfunktion.